Unternehmensbewertung Methoden: Ertragswert oder Multiplikator?

Wer seinen Betrieb verkaufen will, braucht als Erstes eine belastbare Antwort auf die wichtigste Frage: Was ist mein Unternehmen wert? Die gängigen Unternehmensbewertung Methoden liefern dabei sehr unterschiedliche Ergebnisse.

Der Steuerberater rechnet mit dem Ertragswertverfahren. Der M&A-Berater rechnet mit Multiplikatoren. Der Käufer rechnet mit dem, was er sich leisten kann. Und der Inhaber hat eine Zahl im Kopf, die meistens mit keiner der drei übereinstimmt.

Dieser Artikel erklärt beide Unternehmensbewertung Methoden im Detail, zeigt wo sie sich unterscheiden und warum die Kombination aus beiden für KMU unter €5 Millionen Unternehmenswert am sinnvollsten ist.


Das Ertragswertverfahren: der Steuerberater-Klassiker

Das Ertragswertverfahren (vereinfacht nach IDW S1) ist in Deutschland die verbreitetste Bewertungsmethode. Die Logik: Ein Unternehmen ist so viel wert wie die Summe aller zukünftigen Erträge, abgezinst auf den heutigen Zeitpunkt.

So funktioniert es:

  1. Durchschnittlichen Jahresertrag ermitteln (meist 3-Jahres-Durchschnitt)
  2. Um einmalige Effekte bereinigen (Sonderabschreibungen, Inhabergehalt etc.)
  3. Zukünftige Erträge für eine bestimmte Laufzeit projizieren
  4. Mit einem Kapitalisierungszinssatz abzinsen (je höher das Risiko, desto höher der Zins)

Beispiel: SHK-Betrieb Köln, 15 Mitarbeiter

Position Wert
Durchschnittlicher Jahresertrag (3 Jahre) €180.000
Kapitalisierungszinssatz 12%
Ertragswert (vereinfacht: Ertrag / Zinssatz) €1.500.000

Klingt viel? Das Problem beginnt beim Zinssatz. Ein Steuerberater, der konservativ rechnet, setzt 15-18% an. Ergebnis: €1.000.000-€1.200.000. Ein anderer setzt 10 Prozent an. Ergebnis: €1.800.000. Selber Betrieb, selbe Zahlen, die Bewertung schwankt um €600.000.

Stärken des Ertragswertverfahrens:

  • Steuerlich anerkannt und gerichtsfest
  • Berücksichtigt zukünftige Ertragskraft, nicht nur Vergangenheit
  • In Deutschland Standard für Gesellschafterabfindungen und Erbstreitigkeiten

Schwächen bei KMU unter €5M:

  • Extrem abhängig vom Kapitalisierungszinssatz (kleine Änderungen, große Wirkung)
  • Erfordert detaillierte Planungsrechnung (die bei Handwerksbetrieben selten existiert)
  • Verkäufer und Käufer streiten regelmäßig über den richtigen Zinssatz
  • Für Käufer schwer nachvollziehbar: Was bedeutet „abgezinst auf den heutigen Zeitpunkt“ für einen Handwerksmeister?

Die Multiplikator-Methode: der Marktstandard bei Transaktionen

Die Multiplikator-Methode (auch Comparable-Transactions-Methode) funktioniert anders: Man schaut, was vergleichbare Betriebe am Markt kosten, und leitet daraus einen Faktor ab.

So funktioniert es:

  1. Normalisiertes EBITDA berechnen (Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen, bereinigt um Inhabergehalt und Einmaleffekte)
  2. Branchenüblichen Multiplikator anwenden (abgeleitet aus tatsächlichen Transaktionen)
  3. Ergebnis: Enterprise Value (Unternehmenswert vor Nettoverschuldung)

Beispiel: Derselbe SHK-Betrieb

Position Wert
EBITDA laut Jahresabschluss €220.000
+ Inhabergehalt-Normalisierung (Differenz zu marktüblichem GF-Gehalt) +€15.000
+ Einmaleffekt (Corona-Soforthilfe, nicht wiederkehrend) -€20.000
Normalisiertes EBITDA €215.000
Multiplikator 3,5× (unteres Ende SHK) €752.500
Multiplikator 4,5× (Mitte) €967.500
Multiplikator 5,5× (oberes Ende) €1.182.500
Indikative Wertspanne €752.500 bis €1.182.500

Branchentypische EBITDA-Multiplikatoren (Betriebe unter €2M Enterprise Value):

Branche Multiplikator-Spanne Quelle
SHK (Sanitär, Heizung, Klima) 3,5 bis 5,5× DUB.de, Branchenquellen
Elektroinstallation 4,0 bis 6,0× DUB.de, Branchenquellen
Maler / Lackierer 3,0 bis 4,5× DUB.de, Branchenquellen
Dachdecker 3,5 bis 5,0× DUB.de, Branchenquellen
Kfz-Werkstatt 3,0 bis 5,0× DUB.de, Branchenquellen
IT-Dienstleistung 4,5 bis 7,0× DUB.de, Branchenquellen
Arztpraxis 4,0 bis 7,0× DUB.de, Branchenquellen

Stärken der Multiplikator-Methode:

  • Marktbasiert: Reflektiert, was Käufer tatsächlich bezahlen
  • Für Käufer sofort verständlich (einfache Rechnung)
  • Bankentauglich: Finanzierungspartner rechnen ebenfalls mit Multiplikatoren
  • Weniger Spielraum für Manipulation (Multiplikator ist ein Marktwert, kein frei wählbarer Parameter)

Schwächen:

  • Setzt saubere EBITDA-Berechnung voraus (Normalisierung ist entscheidend)
  • Multiplikator-Spanne kann breit sein (3,5× bis 5,5× = 57% Unterschied)
  • Steuerlich nicht automatisch anerkannt (für Erbschaft/Schenkung reicht es allein nicht)

Warum eine einzelne Methode nicht reicht

In der Praxis bei KMU-Transaktionen unter €5 Millionen liefert keine einzelne Methode eine belastbare Antwort. Erfahrene Transaktionsberater kombinieren deshalb mehrere Ansätze und gewichten sie branchenspezifisch.

Warum? Jede Methode hat blinde Flecken. Der EBITDA-Multiplikator bildet die Ertragskraft ab — aber was, wenn das EBITDA durch ein ungewöhnlich gutes oder schlechtes Jahr verzerrt ist? Der Umsatz-Multiplikator zeigt die Marktposition — aber ein Betrieb mit €2M Umsatz und €50.000 EBITDA hat offensichtlich ein Margenproblem, das der Umsatz allein nicht erkennen lässt.

Erst die Kombination ergibt ein belastbares Bild: einen Bewertungskorridor mit einer fundierten Preisspanne, die in Verhandlungen standhält und die eine Bank nachvollziehen kann.

Wie genau diese Gewichtung aussieht, hängt von der Branche, der Unternehmensgröße und der spezifischen Ertragssituation ab. Das ist der Teil, bei dem Erfahrung aus dem Transaktionsgeschäft den Unterschied macht — zwischen einer Zahl, die auf dem Papier plausibel aussieht, und einer, die im Käufergespräch tatsächlich funktioniert.


Was der Steuerberater sagt vs. was der Markt zahlt

Hier liegt der Kern des Missverständnisses: Das Ertragswertverfahren und die Multiplikator-Methode messen unterschiedliche Dinge.

Aspekt Ertragswertverfahren Multiplikator-Methode
Perspektive Theoretischer Unternehmenswert Marktpreis (was Käufer zahlen)
Basis Zukünftige Erträge Aktuelle Ertragskraft
Verwendung Steuern, Erbschaft, Gesellschafterstreit Unternehmenstransaktionen, M&A
Typisches Ergebnis bei KMU Tendenziell höher (niedriger Zinssatz = höherer Wert) Tendenziell konservativer
Verständlichkeit Komplex (Abzinsung, Planungsrechnung) Einfach (Faktor × Ertrag)

Die wichtigste Erkenntnis: Beide Unternehmensbewertung Methoden ergänzen sich. Der Ertragswert zeigt den theoretischen Wert. Der Multiplikator zeigt den Marktpreis. Für eine Verkaufsvorbereitung braucht man beides: den Marktpreis für die Verhandlung, den Ertragswert für die steuerliche Einordnung.


Die 3 häufigsten Fehler bei der Unternehmensbewertung

Fehler 1: Das Inhabergehalt nicht normalisieren

Bei Handwerksbetrieben ist das Inhabergehalt fast nie marktüblich. Manche zahlen sich €40.000, obwohl ein angestellter Geschäftsführer deutlich mehr kosten würde. Andere zahlen sich €180.000. Beides verzerrt das EBITDA massiv. Die Normalisierung (Differenz zum marktüblichen Gehalt als Bereinigung) ist der wichtigste Schritt jeder KMU-Bewertung.

Fehler 2: Einmaleffekte ignorieren

Corona-Hilfen, ein Wasserschaden, ein außergewöhnlich großer Einzelauftrag: All das verzerrt die Zahlen. Wenn ein Betrieb 2022 €80.000 Corona-Soforthilfe erhalten hat, ist der Ertrag dieses Jahres nicht repräsentativ. Ohne Bereinigung wird der Betrieb systematisch über- oder unterbewertet.

Fehler 3: Die Bauchgefühl-Bewertung

„Mein Betrieb ist 1,5 Millionen wert, das weiß ich.“ Woher? Weil ein Kollege seinen Betrieb für so viel verkauft hat? Weil ein Berater das mal gesagt hat? Ohne nachvollziehbare Methodik ist jede Zahl angreifbar. Ein Käufer mit Finanzierungsbedarf wird keine Bank überzeugen können mit „der Verkäufer sagt 1,5 Millionen.“


Was eine professionelle Bewertung liefert

Die Methoden zu kennen ist der erste Schritt. Der zweite ist, sie richtig anzuwenden: mit sauberer EBITDA-Normalisierung, branchenspezifischen Multiplikatoren aus aktuellen Transaktionsdaten und einer Gewichtung, die zur konkreten Situation des Betriebs passt.

Das Ergebnis ist keine einzelne Zahl, sondern ein fundierter Bewertungskorridor mit einem empfohlenen Angebotspreis — eine Grundlage, die Käufer nachvollziehen können und die eine finanzierende Bank akzeptiert.

Cedivo liefert das als Verkaufsanalyse (6–8 Seiten) mit Normalisierungstabelle, Kaufpreisindikation und konkretem Verhandlungskorridor. Zusammen mit dem Verkaufsprofil (10–12 Folien) sind das die beiden wichtigsten Dokumente für die Käufersuche.

Weiterlesen: Wie genau die EBITDA-Methode funktioniert, erklären wir im Detail in unserem Artikel EBITDA-Multiplikator für KMU.


Video: Ertragswert oder Multiplikator?


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Johannes Heickmann ist Gründer von Cedivo. Mit Erfahrung aus dem Transaktionsgeschäft bei einem der größten deutschen Finanzinstitute erstellt er professionelle Verkaufsdokumentationen für KMU-Inhaber, zum Festpreis mit klarer Lieferfrist.